Am nächsten Tag treffe ich Timur, den ich auch auf Couchsurfing kennengelernt habe. Er ist Englischstudent und spielt in seiner Freizeit “airsoft” oder wie es in Russland genannt wird: “strikeball”. Jeden Samstag treffen sich etwa 10 Spieler um in echten Militäruniformen mit Plastikkügelchen aufeinander zu schießen. Diesen Samstag geht es in den Wald außerhalb der Stadt. Ich habe extra eine Militärhose für 900 Rubel und eine Schutzbrille gekauft. Timur leiht mir seine Automatikwaffe und eine echte deutsche Tarnfleckjacke. Schnell merke ich, dass die Sprachbarriere leider ein Kommunizieren mit den anderen Spielern erschwert. Natürlich kann ich nicht verlangen, dass nicht mehr in Russisch, sondern in Englisch gesprochen wird. Hinzu kommt noch, dass die meisten kein Englisch sprechen. So stehe ich in den Pausen zwischen den Spielen eher Nichts tuend herum und beschränke mich auf Essen und Ausrüstung modifizieren. Aber im Spiel selber beschränkt sich die Kommunikation sowieso auf ein Minimum und es ist wahrhaftig spannend. Gleichzeitig muss ich auch daran denken, ob sich Soldaten, die mit scharfer Munition schießen, ähnlich fühlen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ein Treffer tödlich wäre, kann es aber nicht. Zur Armee zu gehen ist die größte Eselei, die man begehen kann, um einen gewissen Radiomoderator zu zitieren. Das Spiel geht etwa 5 Stunden, unterbrochen von Pausen, und endet schließlich um 3, am Nachmittag. Die Spielvarianten nannten sich “free fall” (Jeder gegen jeden), “capture the flag” (es gilt einen orangen Kanister zu ergattern und in das gegnerische Camp zu transportieren) und “team deathmatch” (Team A vs. Team B, in diesem Fall Nato vs. russische Armee).

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Die Spieler in russischen Armeeunformen

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Das Lagerfeuer über dem gekocht wurde

Nach dem Spiel holt mich Yana ab und wir fahren zur WG in der Anaida lebt, dort lerne ich noch die Biologiestudentin Irina aka. Ira und die Englischstudentin Oyuna, die die personifizierte Euphorie zu seien scheint, kennen. Die Mädchen bringen mir russische, vulgäre Wörter bei. Von “hui” bis “sutschka” oder auch “siskii” ist alles dabei. Gut zu wissen! Spontan beschließen die Mädels, dass sie eine Art Willkommensparty schmeissen wollen. Anaida schlägt vor Sascha und eine weitere Freundin - Lisa - einzuladen. Ich erfahre noch, dass in Russland nach 21 Uhr kein Wodka verkauft werden darf und, dass man in Russland Wodka nur ab dem 21 Lebensjahr kaufen darf. Schlussendlich fahren wir alle zu Yanas Wohnung und ich komme in den Genuss einer russischen Taxifahrt. Der Fahrer prügelt den verrosteten Lada über die unebenen Straßen der Stadt bis in den äußeren Stadtrand, als ginge es um Leben und Tod. Wir schauen gemeinsam etwa 10 Minuten “Oblivion”, bis Oyuna und Lisa, die den Bus genommen haben, auch ankommen. Nun beginnt das russische Trinkgelage: Oyuna füllt ein Schnappsglas mit Wodka und ein Weinglas mit Saft für Jeden und erklärt, dass man in Russland nicht Wodka-O oder ähnliches mischt, sondern sich den puren Wodka hinter die Binde kippt und danach den Saft trinkt. Nach einer kleinen Ansprache heißt es Trinken! Nach der nächsten Runde darf auch ich einen Trinkspruch aufsagen, ich sage, dass ich froh bin Russland kennenzulernen und verliere den Faden. Mir fällt nichts besseres ein, als mit der Losung “Let’s drink to life” zu enden. Nach etwa 4-5 Runden steigen ich und die Mehrheit aus, nur Oyuna und Sascha, die sich - fast klischeehaft - als trinkfest erweisen, gehen noch eine Runde weiter. Ich schlage vor Durak zu spielen und präsentiere mein Kartenset, dass ich meisten mit mir führe. Wir spielen einige Runden und ich beginne endlich die Regeln zu verstehen.

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Hier lässt sich womöglich erkennen, warum ich an diesem Abend gelernt habe, das “krasnaja” Rot auf Russisch heißt.